"Wir leben das mit den Kindern."

Die "Kita in der Mühle" in Murg ist die erste Kita, die beim Projekt fair.nah.logisch. mitmacht.
 

"Wir leben das mit den Kindern."

Ronja kennt alle Pflanzen im Hochbeet. Die Fünfjährige zeigt auf Stängel und Blätter und zählt locker auf: „Tomaten, Paprika, Karotten...“ Das Hochbeet steht auf einer Wiese im großen Spielgarten ihrer Kita, der „Kita in der Mühle“. Sie gehört zur Katholischen Kirchengemeinde Bad Säckingen-Murg; der Ort liegt direkt an der Schweizer Grenze im Landkreis Waldshut.
 
Ronja und Tobias kennen sich aus mit ihrem Hochbeet.
 
Ronja hat mitgeholfen, die Pflanzen zu säen, vorzuziehen und einzupflanzen, die jetzt im Hochbeet wachsen. Sie und die anderen Kinder laufen täglich an ihnen vorbei, sehen, wie sie größer werden. So wie auch das gute Dutzend Johannisbeersträucher an der Hecke. Die Sträucher tragen schon Früchte, der kleine Apfelbaum neben dem Hochbeet auch. „Wir haben ein sehr nachhaltiges Konzept und sind mit den Kindern ständig draußen, erforschen die Natur“, sagt Leiterin Julia Lüthi. Und die „Kita in der Mühle“ ist die erste, die beim Projekt fair.nah.logisch. der Erzdiözese Freiburg dabei ist, also auf die Verwendung von regionalen Produkten und nachhaltige Alternativen achtet und sie zum Bestandteil des Kita-Alltags macht.
 
Im September 2020 hat die Kita einen modernen Neubau bezogen: Die Holzfassade besteht aus Schwarzwälder Weißtanne, die Räume sind großzügig, bodentiefe Fenster gehen auf den Mühlbach hinaus. Im ersten Stock, bei den Über-Dreijährigen, werden schon alle Räume genutzt; im Erdgeschoss, bei den Unter-Dreijährigen, kommt demnächst noch eine Gruppe dazu. 100 Kinder werden dann hier betreut, von 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Das Gebäude gebe einen nachhaltigen Umgang mit der Natur vor, sagt Lüthi. Aber auch schon in der alten Vorgänger-Kita habe sich diese Haltung durch den Alltag gezogen – weil das ganze Team mitmache: „Wir leben das mit den Kindern.“
 
Zum Beispiel beim Frühstück: „Die Kinder werden inzwischen von uns vollversorgt“, sagt Lüthi; die Eltern geben ihnen also kein Vesper mehr mit. „Seit der Umstellung produzieren wir kaum noch Müll.“ Milch, Käse und Obst stammen von einem Bauern aus der Region, Gemüse kommt von der Bodensee-Insel Reichenau. Eine Diät-Assistentin bereitet das Frühstück im Haus selbst zu. Das Mittagessen wird zwar geliefert, aber die Kollegin schaue auch hier, wo sich frische Bio-Komponenten ergänzen lassen, sagt Lüthi. „Und Fleisch gibt es nur einmal in der Woche, dafür immer in Bio-Qualität.“
 
Die Kinder haben beim Essen ein Mitbestimmungsrecht, einmal im Monat gibt‘s ein Wunschmenü. Und jede Woche backen die Kinder selbst einen Hefezopf, „in der Schweizer Version, die ist nicht gesüßt“, sagt Lüthi lachend. Natürlich macht all das auch Arbeit, erzählt die stellvertretende Leiterin Anja Ebner-Hagist: „Es gab auch schon Tage, wo man dachte, vielleicht war das doch keine so gute Idee...“ Zumal die Hygienevorgaben während der Corona-Pandemie die Mitarbeiterinnen zusätzlich herausforderten. Trotzdem ist Ebner-Hagist überzeugt, dass es richtig und wichtig ist, in der Kita für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen: „Es geht um die Zukunft der Kinder“, sagt sie: „Wir wollen jetzt etwas ändern – wir haben keine Zeit mehr.“
 
Manche Mitarbeiterinnen hätten sich gerad wegen des nachhaltigen Konzepts bei der Kita beworben, sagt Julia Lüthi: „So etwas geht nur, wenn das Team mitmacht, das braucht eine hohe Eigenmotivation.“ Das heiße aber nicht, dass sich alle um alles kümmern. So gibt es Monatsthemen in der Kita, für die verschiedene Mitarbeiterinnen verantwortlich sind: „Jede wählt sich etwas, wofür sie brennt.“ Das kann zum Beispiel das Thema „Kompost und seine Tierwelt“ sein, oder die Kinder bauen ein Insektenhotel oder beschäftigen sich mit dem Thema „Ernte“, oder sie lernen die Arbeit des „Weltlädeli“ in Murg kennen, mit dem die Kita zusammenarbeitet.
 
Die Gurken im Hochbeet ernten die Kinder selbst.
 
Oder sie kümmern sich ums Hochbeet. Das hat übrigens Erzieherin Kathrin Walter selbst gebaut, „komplett aus alten Möbeln aus der Vorgänger-Kita“, erzählt sie: Die Bretter stammten aus Regalen im ehemaligen Vorratsraum, die Balken aus einer auseinander geschraubten Trennwand, die Sitzbänke ringsum aus der Umkleide. „Mir liegt sowas“, sagt Walter, „wir haben nichts gekauft außer den Schrauben...“
 
Auch die Kinder beschäftigen sich damit, wie sich alte Reste aufwerten lassen, Stichwort „Upcycling“: Eine Atelier-Pädagogin bastelt regelmäßig mit ihnen zum Beispiel Dinosaurier aus Toilettenpapier-Rollen und alten Styroporverpackungen. Oder sie verwandeln alte Schuhe mit Gips in Figuren – eine bunte Reihe von ihnen steht als kleine Ausstellung in einem Regal im Kita-Flur.
 
Und immer wieder schaue das Team, was sich im Alltag ändern lasse, sagt Lüthi. Zu Nikolaus zum Beispiel bekommen die Kinder inzwischen nur noch eine Süßigkeit geschenkt. „Aber das ist dann kein 08/15-Nikolaus, sondern ein fair gehandelter Schoko-Bischof aus dem Weltlädeli.“ Ein anderes Beispiel: Wenn Kinder in die Schule kommen, dürfen sie ihren Portfolio-Ordner mitnehmen, in dem ihre Bilder und Entwicklungsschritte dokumentiert sind. Schon während der Kita-Zeit dürfen die Kinder selbst darin blättern; die Seiten sind deshalb mit Klarsichthüllen geschützt; ohne gehe es nicht, sagt Anja Ebner-Hagist. Aber seit diesem Jahr nehmen die Mitarbeiterinnen die Hüllen aus dem Ordner, bevor ein Kind ihn mitbekommt. Klar, auch das mache Arbeit. „Aber es spart auch einen Riesenberg Kunststoff.“
 
Überall in der Kita wächst und blüht es.
 
 
Die Plastik-Wickelauflagen im U3-Bereich hat die Kita inzwischen für jedes Kind durch eigene Handtücher ersetzt, die im Haus mit 90 Grad gewaschen werden. Einmal-Feuchttücher verwenden die Mitarbeiterinnen aber weiterhin; waschbare Waschlappen hätten das Team zumindet bisher nicht völlig überzeugt, sagt Ebner-Hagist: „So etwas kann man nicht einfach vorgeben, man muss immer schauen, ob es auch passt.“ Reinigungsmittel und der Kaffee für die Mitarbeiterinnen sind schon lange auf fair und öko umgestellt.
 
Der Juni war in der Kita in der Mühle Waldmonat: Vom örtlichen Turnverein konnte Lüthi eine Hütte mit Toilette und kleiner Küche in einem Waldstück mieten. „Das ist ideal“, sagt sie, „wir waren bei jedem Wetter draußen.“ Um keine Zeit zu verlieren, sollten die Eltern ihre Kinder morgens direkt in den Wald bringen und dort auch wieder abholen: „Die haben komplett mitgezogen.“ Weitere Waldtage plant das Team schon: „Wir wollen bewusst auch im Winter gehen“, sagt Lüthi. „Wir hoffen auf Schnee – vielleicht feiern wir dann eine Waldweihnacht.“
 
von Thomas Goebel
 

Die „Kita in der Mühle“ in Murg

Kita-Leiterin Julia Lüthi (rechts) und ihre Stellvertreterin Anja Ebner-Hagist