„Ich erwarte, dass die Kirche vorangeht“

Die Katholische Verrechnungsstelle in Stühlingen zeigt, wie sich auch in der Verwaltung nachhaltige Alternativen finden lassen.
 
Als erstes zeigt Winfried Ebner den Wasserspender: Er ist in der kleinen Cafeteria installiert, ein schlankes Rohr aus Edelstahl gleich neben der Spüle, auf Knopfdruck lässt er frisches Wasser in ein Glas sprudeln. Leitungswasser – aber gekühlt und mit Kohlensäure versetzt, dafür sorgt die Technik unter der Arbeitsplatte.
 
Neubau mit Holzfassade
 
Ebner ist Leiter der Verrechnungsstelle für Katholische Kirchengemeinden in Stühlingen, Landkreis Waldshut. Und er war erst einmal nicht so begeistert von der Idee, dass die 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dem modernen Bürogebäude ihr Wasser künftig aus dem Spender zapfen sollten. 3.000 Euro kostet die Anlage – da sagt ein Verwaltungsmensch, der auf die Zahlen schaut, nicht so schnell Ja. „Und heute bin ich der treuste Nutzer...“, erzählt Ebner und lächelt. Das Wasser schmecke viel besser als einfach aus der Leitung, er trinke mehr davon und fühle sich deshalb fitter. Und dass nicht ständig neue Mineralwasserkisten gekauft werden müssten, sei ökologisch sinnvoll und spare nebenbei noch Geld und Zeit.
 
Die Verrechnungsstelle Stühlingen war die erste Verwaltungseinheit ihrer Art, die bei dem Projekt fair.nah.logisch. der Erzdiözese Freiburg dabei ist. Und sich damit verpflichtet, möglichst regionale Produkte zu nutzen und nachhaltige Alternativen zu fördern. 2017 habe die Erzdiözese das Projekt vorgestellt und gefragt, welche Verrechnungsstelle Pilot sein und erste Erfahrungen sammeln wolle, berichtet Ebner: „Ich bin meist nicht der, der gleich Nein sagt – und ich war mir sicher, ein paar Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, die im Projektteam mitmachen.“
 
So war es – und seitdem trifft sich das sechsköpfige fair.nah.logisch.-Team regelmäßig und überlegt sich, was sich ändern lässt. „Wir haben bei zwei örtlichen Anbietern von Bürobedarf die Produktpalette hinterfragt – die haben erst mal komisch geschaut...“, berichtet Ebner. Öko-Labels habe es damals bei den Anbietern noch nicht gegeben.
 
Schließlich einigte sich die Verrechnungsstelle mit der Firma Resin aus Binzen auf ein reduziertes Angebot von möglichst nachhaltigen Produkten: „Zum Beispiel einen Kugelschreiber aus Recycling-Kunststoff mit wechselbarer Mine“, erläutert Ebner. Aus diesem Angebot können alle bestellen, auch die katholischen Kindergärten, deren Geschäftsführung bei der Verrechnungsstelle liegt: „Wenn man etwas Anderes möchte, muss vorher der Geschäftsführer zustimmen.“  Ökologie sei ein kirchliches Thema, findet er, „wir haben uns auf die Fahne geschrieben, das Projekt auch in die Gemeinden und Kindergärten hineinzutragen.“
 
Zum Teil funktioniere das auch schon bei der Umstellung auf digitale Rechnungen, um Papier zu sparen, sagt Ebner, auch wenn er hier gerne mehr machen würde und der Prozess bei vielen beteiligten Akteuren und Dienstleistern manchmal mühsam sei. Kaffee, Milch und Schokolade in der Cafeteria der Verrechnungsstelle sind dagegen schon lange auf regionale oder fair gehandelte Alternativen umgestellt; einmal in der Woche wird ein Obstkorb von der nahen Insel Reichenau geliefert.
 
„Es ist schon eine Herausforderung, immer wieder eine Stunde Zeit für eine Sitzung zu finden, die Spannung bei dem Thema zu halten und sich ein oder zwei Sachen vorzunehmen, auch wenn sie klein aussehen“, sagt Ebner. Eine besondere Aufgabe haben im fair.nah.logisch.-Team der Verrechnungsstelle dabei die Auszubildenden: Sie bereiten die Sitzungen vor, leiten sie selbst, dokumentieren die Ergebnisse und übernehmen auch Recherche-Aufträge, berichtet der Verwaltungsbeauftragte Johannes Graumann: „So hat eine Auszubildende herausgefunden, dass für uns Papierhandtücher auf den Toiletten ökologisch am besten sind – wenn sie aus Recyclingpapier sind.“
 
Noch in einem weiteren Projekt engagiert sich die Verrechnungsstelle ökologisch, nämlich im Energiemanagement. Dafür finanzierten Erzdiözese und L-Bank der Einrichtung eine Energieberatung. Die erbrachte zwar für das 2015 von der Diözese selbst gebaute Gebäude wenig Einsparpotenzial. Allerdings entwickelte der beauftragte Ingenieur eine Idee, wie sich das gut gedämmte und im Sommer oft heiße Gebäude über die Bodenheizung kühlen ließe. „Wenn man das intelligent macht, könnte man dabei sogar Energie gewinnen“, erzählt Ebner.
 
PV-Anlage auf dem Dach der Verrechnungsstelle
 
Und auch zwei weitere große Themen ging der Berater an: Heizung und Solaranlage. Bisher wird das Gebäude von einer Ölheizung aus dem Jahr 1988 mitversorgt. „Unser großes Ziel ist eine moderne Pelletheizung, die Verrechnungsstelle, Gemeindehaus, Pfarrhaus und Kirche versorgt“, sagt Ebner. Er hofft, das Projekt im Haushaltsplan 2022/23 unterzubringen. Und dann soll auch noch die bestehende Photovoltaik-Anlage auf dem Dach erweitert werden, von 10 Kilowatt-Peak auf künftig 22 bis 28 Kilowatt-Peak. „Bisher kaufen wir noch Strom und haben Platz auf dem Dach...“
 
Außerdem hat die Verrechnungsstelle ein neues E-Auto als Dienstfahrzeug angeschafft, da lohne sich die Erweiterung erst recht. „Die Rentabilität der PV-Anlage ist gewährleistet“, sagt Ebner, „wir haben sogar die Chance, ein CO2-negatives Gebäude zu werden.“ Für die Modernisierungen gebe es zudem diverse öffentliche Zuschüsse, die Investitionen seien „wirtschaftlich nachvollziehbar.“
 
Ebner betont, dass er auch beim Thema Nachhaltigkeit die Zahlen nicht aus dem Blick verliere: „Ich sehe das als gelernter Betriebswirt.“ Aber er sagt auch: „Unsere Umwelt ist Gottes Schöpfung, wenn wir nicht danach schauen, wer dann?“ Bei allem Anspruch, sparsam zu wirtschaften, sieht der Leiter der Verrechnungsstelle hier auch eine Verpflichtung, zu handeln: „Ich erwarte, dass die Kirche vorangeht – wenn wir zurückschrecken, weil es 2,50 Euro mehr kostet, passt das nicht.“
 
Von Thomas Goebel
 

Die Katholische Verrechnungsstelle in Stühlingen

Leiter der Verrechnungsstelle Winfried Ebner mit seinen Mitarbeitenden Johannes Graumann und Saskia Morath